DVMB Landesverband Bayern e.V.

Chronisch Kranke als Spielball der Gesundheitspolitik

Seit einigen Jahren sieht die Situation völlig anders aus. Reha-Maßnahmen werden in der Regel erst wieder nach vier Jahren genehmigt. Will nun ein Betroffener, aus einer berechtigten Notwendigkeit heraus, eine Rehabilitationsmaßnahme in kürzeren Abständen, so hat er einen mühsamen Weg mit Widersprucheinlegung, wahrscheinlich mehreren vertrauensärztlichen Untersuchungen und - wenn er Pech hat - einer endgültigen Ablehnung, zu beschreiten. Hat der Patient das Glück, doch vorzeitig eine Maßnahme genehmigt zu bekommen, dauert diese in der Regel nicht mehr wie früher 4 sondern nur noch 3 Wochen.

Vor 20 Jahren hat man sich als chronisch Kranker in mancher Kurklinik wirklich gefragt, wie manche "Kurianer" ihre Rehamaßnahme bewilligt bekommen hatten. Dies um so mehr, wenn sie noch damit prahlten, dass sie nun ihren Kururlaub absolvieren würden und eigentlich keine Kur bräuchten. Jeder wirklich Kranke begrüßt zweifellos, dass diese Missstände zwischenzeitlich größtenteils abgestellt worden sind. Trotz der zweifellos notwendigen Einsparungen auf diesem Gebiet ist es unverständlich, dass auch bei Krankheitsbildern, für die die Rehabilitationsmaßnamen zur Erhaltung ihrer langfristigen Arbeitsfähigkeit zwingend notwendig sind, in der jetzigen Form beschnitten werden.

Vergleicht man die Veränderung des Verhaltens der Versorgungsträger in den letzten 20 Jahren, so fühlen sich die chronisch Kranken wohl zu recht als Spielball der Gesundheitspolitik.

Aber nicht nur im Bereich der Rehabilitation, sondern auch im übrigen medizinischen Bereich sind chronisch Kranke die Leidtragenden der Gesundheitspolitik. Da chronisch Kranke naturgemäß mehr Arztbesuche benötigen als "gesunde Menschen", waren sie bis zur Umstellung des Gesundheitswesens durchaus gern gesehene Patienten der Ärzte. Da aber chronisch Kranke zwangsläufig mehr Medikamente und physiotherapeutische Maßnahmen benötigen als Andere, wären jetzt die meisten Ärzte froh, wenn sie diese Patienten nicht mehr betreuen müßten. Belasteten sie schon nach den "Seehofer’schen Reformen" die Kostensituation der Praxen stark, so sind sie nach der "Fischer’schen Reform" geradezu ein Klotz am Bein jedes Arztes geworden. Jeder Praxis ist nämlich für die einzelnen Bereiche, wie z. B. Medikamente und physiotherapeutische Maßnahmen ein eigenes Budget vorgegeben. Wird dieses durch den Arzt überschritten, erhält er hierfür keine Vergütung mehr bzw. muß die Kosten hierfür tragen. Da es auch dem Arzt nicht zugemutet werden kann, dass er für seine Patienten in die eigene Tasche greift, führt dies je nach Art der Praxis dazu, dass chronisch Kranke die für sie notwendigen Rezepte nicht mehr bekommen.

Da für Morbus-Bechterew-Kranke die tägliche Gymnastik zur Erhaltung ihrer Leistungsfähigkeit und einer aufrechten Haltung unabdingbar ist, sind sie in hohem Maße die Leidtragenden dieser Gesundheitsreform. Damit ein "Bechterewler" seine Gymnastik auf deren Richtigkeit kontrolliert bekommt, ist es unbedingt notwendig, dass er mindestens einmal in der Woche diese Übungen unter Anleitung durchführen kann. Die DVMB organisiert deshalb im Rahmen ihrer Selbsthilfeaufgaben Gruppengymnastik unter Anleitung von erfahrenen und besonders ausgebildeten Therapeuten.

Etwa 2% der Bevölkerung leiden unter Morbus Bechterew oder einer verwandten entzündlichen Wirbelsäulenerkrankung und etwa 0,2% sind sicher diagnostiziert. Dies bedeutet, dass die Therapiegruppen oftmals nicht groß genug sind, um über Funktionstraining (Rehasport) die Therapie durchführen zu können. Die Morbus-Bechterew-Patienten sind also auf das Rezept für die Gruppengymnastik angewiesen.

Völlig zur Farce wird die Situation, wenn man bedenkt, dass auch beim Funktionstraining, ebenso wie bei der üblichen Gruppengymnastik, die Kosten von den Krankenkassen bezahlt werden. Der Unterschied liegt lediglich darin, dass im einen Fall das Budget der Ärzte nicht, im anderen aber sehr wohl belastet wird.

Es ist nachgewiesen, dass die Krankenkassen durch die regelmäßige Gymnastik der Morbus-Bechterew-Patienten letztendlich Geld sparen, da diese so weniger Medikamente brauchen und länger arbeitsfähig bleiben.

Eine vernünftige Verschreibungspraxis der Ärzte scheitert also an einem starren System, das den Ärzten nicht die Freiheit läßt, die zweifellos begrenzten zur Verfügung stehenden Gelder so einzusetzen, wie es für die Volkswirtschaft, ihre Patienten und die Struktur ihrer Praxis angemessen wäre.

Auch unter Berücksichtigung einiger Vergünstigungen im Bereich der Zuzahlung fühlen sich die meisten chronisch Kranken von der Gesundheitspolitik verschaukelt. Es ist höchste Zeit , dass die Gesundheitspolitik auf die spezifischen Probleme der einzelnen Krankheiten mehr Rücksicht nimmt und dem Patienten die Hilfen gewährt, die zur Erhaltung eines lebenswerten Daseins notwendig sind. Dies gilt um so mehr, als der richtige Einsatz der Mittel letztendlich auch noch Geld sparen hilft.

Die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew als Sprachrohr der vom Morbus Bechterew oder einer anderen entzündlichen Wirbelsäulenerkrankung Betroffenen möchte mit dieser Erklärung ihren Beitrag dazu leisten, einen vernünftigen Abgleich der Interessen herbeizuführen, damit sich chronisch Kranke nicht mehr als Spielball der Gesundheitspolitik fühlen müssen.